Flakbatterie Warleberg

 

Einheit: 9.M.Fla.A.221
Batteriechef: Olt. Sill, Olt. Schubert
Geschütz: 4 x 10,5cm
Typ: Schnellladekanone C/32
Zusatzbewaffnung: 2x 2cm
Kommandogerät: Kleinkog
Entfernungsmesser: Em 6m R
Batteriezustand bei Kriegsende: 2cm-Waffen zerstört, 800 x 10,5cm ohne Zünder und Zündladung
Munitionsbestand bei Kriegsende: 2900 x 10,5cm

Ein tragisches Unglück ereignete sich im Januar 1944, bei dem zwei Soldaten dieser Batterie ihr Leben verloren. An dem zweiten der vier Geschütze kam es während eines Gefechtes zu einem Rohrkrepierer, bei dem etwa 50cm des Rohres weggesprengt wurden. Durch den Gefechtslärm wurde dies zunächst nicht bemerkt. Man bemerkte jedoch, dass die Balance des Geschützrohres nicht mehr gegeben war und hierdurch das selbst sperrende Schneckengetriebe der Höheneinstellung extrem schwergängig wurde. Auf Befehl des Geschützführers wurde die Handkurbel zur Höhenverstellung von zwei Soldaten statt von einem bedient. Aus dem zerstörten Geschützrohr feuerte man noch neun Schuss, bis man durch Meldung vom vierten Geschütz von dem folgenden Unglück informiert wurde; Die bei dem Rohrkrepierer entstandenen Splitter flogen über den Leitstand I und über das vierte Geschütz der Batterie. Durch eine der hier geöffneten Hülsenauswurfluken gerieten mehrere Splitter in das Innere der Panzerkuppel und töteten den an der Schalttafel stehenden Flakhelfer Eberhard Nuß. Als sich kurz vorher ein zweiter Flakhelfer, der zwischen Nuß und der offenen Luke stand, zufällig nach unten beugte, gab er den Weg für den tödlichen Treffer frei. Oberleutnant Sill, derzeitiger Batteriechef, wurde ebenfalls von einem der Splitter tödlich getroffen, der seinen Stahlhelm durchschlug.

geschütz

Zeitzeugenbericht

Erinnerungen des ehemaligen Marine Artilleristen Wolfgang Draeger


Vorwort

Unsere Heimatgeschichte lebt nicht nur von den Relikten, die uns aus vergangenen Zeiten erhalten geblieben sind, sie lebt auch von den wenigen persönlichen Aufzeichnungen und Erinnerungen jener Personen, die diese Zeit erlebt und durchlebt haben. Die Dokumentation einer ehemaligen militärischen Einrichtung, wie die der Flakbatterie "Annenhof", wird nun durch sehr detaillierte Aufzeichnungen des damaligen Marine Artilleristen (MA) Wolfgang Draeger ergänzt, der mir freundlicherweise seine Erinnerungen an seine dortige Dienstzeit sowie seiner "Flucht", der Gefangenschaft bei Kriegsende zu entgehen, zur Verfügung gestellt hat. Für seine persönlichen Erinnerungen, die hier im folgenden wiedergegeben werden, möchte ich mich bei Herrn Draeger ganz herzlich bedanken!

Vorgeschichte
Wolfgang Draeger wurde im Oktober 1927 geboren, ist in Schwerin/Mecklenburg aufgewachsen, besuchte die dortige Oberrealschule und war hier in der Jugendabteilung "Seglerverein" und in der Marine-HJ.

1943
Seemännische Ausbildung auf dem Segelschulschiff "Horst Wessel" in Stralsund und auf der Hochseeyacht der Kriegsmarine "Edith". Wochenendlager der Marine-Hitlerjugend in Waren/Müritz als Ausbilder.

1944
Einsatz zum Panzergrabenbau in Kronprinzenkoog und Wolmersdorf in Schleswig-Holstein. Die Ortsgruppenleiter der NSDAP mit "Pistole umgeschnallt und auf Hochglanz polierten Schaftstiefeln" führen von der Grabenkante aus die Aufsicht und treiben die Hitler-Jungen an.

Dezember 1944 (Einberufung zum Wehrdienst)
Im Dezember 1944, zwei Jahre vor dem Abitur, erfolgte die Einberufung zur Kriegsmarine nach Kiel. Beim Umsteigen in Bad Kleinen bereits von Bootsmaaten der Kriegsmarine "einkassiert" und unter Aufsicht bis in das "Scheer-Lager" nahe Kiel-Wik geleitet. Hinter dem Schlagbaum, noch in Zivil, erste Bodenkontakte. Fassen grauer Uniformen mit Ankerknöpfen. Medizinische Untersuchung in der Wik verhindert die Wahllaufbahn 14 (Signaldienst) wegen Rot-Grün-Schwäche, daher "Matrose" Laufbahn 1 (See) bei der 27. Schiffsstammabteilung, Division Ostsee.

Dezember 1944 (Heiligabend)
Mit 40 Mann und einem Kanonenofen im Güterwagen nach Ollerup/Dänemark, Insel Fünen. Infanteristische Ausbildung. Flachbahnrennen, Singen unter Gasmaske, Gehen und Stehen lernen. Beste Verpflegung; Torten, Schlagsahne, Räucheraal.

Januar 1945
Rückreise im Güterzug. In jedem Türspalt sitzt ein Soldat und schießt auf Alles, was sich dem Zug weniger als 50m nähert. Unterbrechung der Fahrt, nachdem dänische Widerstandskämpfer voraus Gleis gesprengt hatten. Im Kieler Hauptbahnhof umsteigen auf LKW. Nächtlicher Transport bis Nordseite Levensauer Hochbrücke. Abzählen: 10 Mann und 1 Maat aussteigen, zu Fuß durch Schnee auf Kanalböschung Richtung Westen bis Höhe Gut Warleberg. Schließlich Koje in der Wohnbaracke der Batterie Annenhof. Oberschüler werden dem Leitstand, Andere den Geschützen zugeteilt. Umzug in die Wohnbunker. Offizielle Überweisung an die 9. Batterie der Marine Flakabteilung 221. Dienstgrad nunmehr "Marine-Artillerist" (MA).

1. Tätigkeit
Nach Einweisung halte ich im Leitstand auf einer Art Ziffernblatt zwei Zeiger in Deckung. Der äußere Zeiger wird durch das im gleichen Raum stehende "Warleberg-Gerät" gesteuert und gibt die ermittelte Zündzeit wieder. Durch "In-Deckung-Halten" des inneren Zeigers mittels Handrad leite ich diesen sich ständig änderten Wert an die automatische Zünderstellmaschine der vier Geschütze weiter. 

2. Tätigkeit.
Am Mecketisch halte ich über Kopfhörer und Mikrofon Verbindung mit einer Marine-Helferin irgendwo in Kiel und gebe Planquadrate an das Luftverteidigungskommando (LVK) durch. Die Werte stammen vom batterieeigenen Funkmessortungsgerät (FuMO (Radar)) und stellen Kurse feindlicher Flugzeugverbände im Anflug auf Kiel dar.

3. Tätigkeit
Im inneren Kreis des Leitstandes, Bedienung der Salventakt-Uhr. Auf Zuruf des Batterie-Chefs stelle ich einen Schalter auf die befohlene Sekundenmarke ein. Der Wert geht elektrisch an alle vier Geschütze und löst dort den Abschuss der Granaten aus. Der kürzeste mögliche Takt war zwei Sekunden. In diesem Abstand feuerten alle vier Geschütze gleichzeitig (Salve).

Einsatz
Überwiegend wurde Nachts geschossen. Oft zwangsweise Feuerpause wegen überhitzter Rohre. Es wurden Feuerwehrschläuche zwecks Kühlung requiriert, dann Fortsetzung des Kampfes.
Während der letzten Wochen saßen wir bei Tagesalarm untätig in der Sonne und schauten den amerikanischen Bomberpulks nach. Die wussten, dass wir nur bis 9.000m schießen konnten und flogen daher in 10.000m Höhe mit Sauerstoffmasken. Nach nächtlichem Gefecht wurden am folgenden Morgen fast alle zum "Munition-Mannen" eingeteilt. Im Gänsemarsch trugen wir je eine Granate bzw. Kartusche auf unseren Schultern vom ca. 700m entfernten Munitionsbunker zu den Geschützen, so oft, bis alle Kasematte wieder aufgefüllt waren.

"Weiterbildung"
Nach ruhiger Nacht fand tagsüber Geländedienst statt. Wir erhielten italienische, kurze Gewehre, an denen das montierte Bajonett auf Knopfdruck aus der beigeklappten Lage am Lauf nach vorn zum "Gebrauch" sprang. Diesen Gebrauch übten wir, indem wir auf stehende Strohsäcke zuliefen und das Bajonett hinein rammten. Ein Schlag mit dem linken Unterarm auf den Lauf sollte ein möglichst langen Schnitt im Gegner verursachen. Als der als Schleifer gefürchtete Obermaat mich nach meiner Heimat befragte und ich "Schwerin/Mecklenburg" antwortete, ernannte er mich ab sofort zu seinem persönlichem Aufklärer. Ich hatte seine Bunkerkammer sauber zu halten, seine Koje zu bauen, mich um seine Uniform zu kümmern, Stiefel zu putzen, Gänge für ihn zu erledigen. Ich habe nie wieder Geländedienst machen müssen. Ich hatte den besten Posten bei dem meist gefürchteten Mann. Ich habe nie erfahren warum. Meinen Gefechtsposten hatte ich bei Alarm natürlich weiter zu besetzen. Eines Tages gaben wir die die feldgraue Uniform ab und erhielten blauen Marine-Uniform. Mit dem Urlaubsschein konnte ich von Neuwittenbek mit Bahn Tagesurlaub in Kiel machen. Das Kiel trotz unserer Schießerei so aussah, machte mir Angst. In einem auf der Ostseite liegenden Hafenbecken sah ich ein sehr großes gekentertes Schiff. Nach dem Krieg erfuhr ich, dass es das Panzerschiff "Admiral Scheer" gewesen war.

Verpflegung
Mit einem Kameraden marschierte ich nach Gettorf, zu einem privaten Schlachter. Eine voll Fleischwaren gepackte Aluminium-Mulde zogen wir durch den Schnee zu Fuß hinter uns her, bis zur Batterie. Gegen Kriegsende wurde die Verpflegung eintöniger. Die Scheiben der bunkerweise zugeteilten Kommisbrote wurden wegen der unterschiedlichsten Stärke verlost und mangels Belag auf Kochplatten geröstet.

Das Ende der Batterie
In der zweiten Hälfte April 1945 ergeht der Befehl die Batterie für Erdkampf einzurichten. Im südliche Knick am Weg werden Schützenlöcher von Hand ausgehoben, im Acker davor Entfernungstafeln eingesetzt, die Geschützrohre nach Süden gedreht und gesenkt. Letzte Woche im April 1945 wird Selbstzerstörung der Batterie befohlen. Mit Vorschlaghämmern und Äxten werden Warleberg- und die anderen Rechengeräte kleingemacht. Selbst die Gusseisernen Wandtelefone werden zerhackt. Aus dem Munitionsbunker werden wieder Granaten geschleppt. Mit einigen Kameraden muss ich die Zünder herausdrehen. Alles kommt auf einen großen Haufen und soll in die Luft gejagt werden. Die Geschützrohre werden mit Kilo-Ladungen versehen. Zeuge dieser Sprengungen war ich nicht mehr.

Vor dem 3. Mai 1945
Batterie-Chef Oberleutnant MA Schubert erklärt die Lage: Engländer in Hamburg, weiter auf Vormarsch nach Schleswig-Holstein, Russen in Mecklenburg und Thüringen. Krieg gilt als verloren und beendet. Er händigt allen Marine-Helferinnen und uns unter 20 Jahren alten Soldaten in der Schreibstube gefertigten Entlassungspapiere aus. Die Alten müssen in der Batterie bleiben; es müssen schließlich ein paar Mann mit ihm zusammen die Batterie den Engländern übergeben und in Gefangenschaft gehen. Die Helferinnen und wir Jungen sollten uns auf umliegenden Bauernhöfen verstecken. Auf keinen Fall versuchen, den Kanal auf der Levensauer Hochbrücke nach Süden zu überqueren. Dort stünde die SS, die jeden frei Laufenden einsammle oder abschieße. Aus unseren Quartieren sollten wir mitnehmen, was wir gebrauchen könnten. Ich ließ nur Stahlhelm, Gewehr und Gasmaske im Spind.

Der lange Weg nach Hause
Ob Schwerin/Mecklenburg schon russisch war, blieb unklar, der Weg nach Süden über den Kanal gefährlich. In Gefangenschaft wollte ich auf keinen Fall, sondern nach Hause. Auf Vorschlag meines Kameraden Günter Wilk..., dessen Familie in Kiel ausgebombt und nach Niebüll evakuiert war, blieben wir beiden zusammen, mit dem Ziel, Niebüll vor den Engländern zu erreichen, dort das Kriegsende abzuwarten.

4. Mai 1945: 
Mit Gepäck zu Fuß nach Gettorf. Ein Materialzug des Roten Kreuzes hält. Wir öffnen den Güterwagen und reisen zwischen Zelten und Zubehör liegend nordwärts. Vor der Brücke Lindaunis verlassen wir fluchtartig den haltenden Zug, gehen neben dem Bahndamm in Deckung wegen Tieffliegerangriff. Weiterfahrt bis Flensburg-Weiche. Wir finden einen Personenzug mit Unteroffiziersschülern irgendeines Lehrganges, die sich über Niebüll fahrend nach Dänemark absetzten wollen. Sie glauben, dort interniert zu werden und so der Gefangenschaft zu entgehen. Wir schließen uns ihnen an. Mit einigen von ihnen brechen wir einen Güterwagen des abgestellten "Dönitz-Zuges" auf. Es sind die Verpflegungswagen! Mit Seitengewehren wird der Inhalt der Konservendosen ermittelt. Wurst und Schmalzfleisch wandert in unsere Seesäcke, ebenfalls finden wir kistenweise die bekannten V-Drops.
Leider durchfährt unser neuer Zug Niebüll. Wir sind ungewollt auf dem Weg nach Dänemark! Mein Kamerad weiß, dass nur noch ein deutscher Bahnhof kommt: Süderlügum. In der Hoffnung, dass der Zug den Bahnhof langsamer durchfährt, kann ich Wilk... überreden, nach Rauswurf unseres Gepäcks selbst abzuspringen. Es gelingt unverletzt, wir treten den 12km langen Rückmarsch neben den Bahngleisen nach Niebüll an. Tiefflieger, die auf alles schießen, was sich bewegt, zwingen uns, in Gräben Deckung zu suchen. Trotzdem erreichen wir unser Ziel. In Niebüll takel ich meine blaue Uniform ab, machen einen Zivilanzug daraus, goldene Ankerknöpfe, Laufbahnabzeichen und Soldbuch werden aufbewahrt, nicht ahnend, dass sie nochmal gebraucht werden.
Engländer besetzen die Stadt und drohen jedem ehemaligen Soldaten, der sich nicht bei ihnen meldet, mit harter Strafe. Mein Kamerad Wilk... will sich stellen, ich nicht, ich will nach Schwerin. Zwei junge Luftwaffensoldaten haben den gleichen Plan: südwärts. Einer will nach Berlin der andere in das Vogtland. Zusammen planen wir den Aufbruch. In der Nacht stehlen wir in Niebüll drei Fahrräder, verladen unser Gepäck und starten noch im Dunkeln. Auf der Reichsstraße 5 stoßen wir auf endlose Kolonnen der ehemaligen Deutschen Wehrmacht, Luftwaffe und Marine, die ebenfalls südwärts ziehen. Sie machen einen traurigen Eindruck. Manche schieben ihre Habe in Kinderwagen vor sich her. Gelegentlich werden sie von britischen Jeeps eskortiert. Wir ahnen noch nichts Böses und überholen auf unseren Rädern zügig bis nach Friedrichstadt. An der Eiderbrücke kontrollieren Kanadier die Passierenden. Der mitgeführter HJ-Ausweis mit Lichtbild reicht und wir sind durch. Über Tellingstedt und Albersdorf arbeiten wir uns bis kurz vor dem Kaiser-Wilhelm-Kanal vor. Wir wundern uns, dass in den Dörfern immer mehr deutsche Soldaten zu sehen sind. Irgendwo am Kanalufer werden wir von Landsern aufgeklärt: Wir sind bei Friedrichstadt in die Falle gegangen und befinden uns im größten Gefangenenlager Schleswig-Holsteins. Es wird durch Nordsee, Elbmündung, Kaiser-Wilhelm-Kanal und Eider begrenzt. Die Kanalübergänge sind gesperrt und bewacht. Nur Männer aus der Landwirtschaft sollen als Erste nach Hause entlassen werden.
Ein Bauer erlaubt uns, in einem Kälberverschlag auf offenem Feld zu kampieren. Die Idee, den Kanal nachts schwimmend zu überwinden, wird verworfen. Kanadier fahren mit Booten und Scheinwerfern Kontrolle. Mit Hilfe des Bauern und seiner Passierscheine können wir drei Tage später, als Ostarbeiter verkleidet, sein Gespann mit der Fähre Fischerhude zur nächsten Molkerei auf der Südseite bringen. Wir konnten auch die Fahrräder mitnehmen. Manche Ostarbeiter wandelten sich nach Leerung der Milchkannen wieder in Soldaten.
Bei Hamburg-Bergedorf trennen wir drei uns. Vor Mölln sehe ich, dass die Brücke über den Elbe-Trave-Kanal ebenfalls gesperrt und bewacht ist. Als der Posten mit der Abfertigung eines LKW-Konvoi beschäftigt ist, gelingt mir auch hier der Übergang. Mein nächstes Ziel ist Gadebusch. Endlose Flüchtlingstrecks und Soldaten kommen mir entgegen. In Schwerin sei längst der Russe! Ich war wohl der einzige, der Kurs Ost anliegen hatte. Von Niebüll bis Schwerin, das nach Amerikanern nun britisch besetzt war, hatte ich sieben Tage benötigt. Ich war der Erste von meinen Freunden, der die Heimat erreichte. Die russischen Truppen standen auf dem Ostufer des Schweriner Sees. Die Stadt war voller Flüchtlinge, befreiter KZ-Häftlinge und ehemaliger Soldaten.

Juli 1945  Erneuter Aufbruch:
Im Juli befahlen die Engländer am Wochenende "Curfew", totale Ausgangssperre. Am nächsten Morgen waren die Reste Mecklenburgs und Thüringens gegen West-Berlin getauscht und gehörten zur sowjetischen Besatzungszone. Wir begrüßten die ruhmreiche Rote Armee, die mit endlosen Kolonnen von Panjewagen in Schwerin einzog. Nach drei Wochen war mit klar, dass ich als Sohn eines Angehörigen der Waffen-SS, den schon die Amerikaner in ihrer Obhut hatten verschwinden lassen, keine Chance für Abitur und Studium hatte. Mein Ziel waren Verwandte in Norden/Ostfriesland. In den zu Lazaretten umfunktionierten Schulen lagen deutsche Soldaten. Von Freunden erfuhr ich, dass diese Kranken und Verwundeten dem Engländer "gehörten" und durch sie bald in den Westen verlagert werden sollten. Bewacht wurden diese Lazarette von russischen Posten. Durch Annähen der goldenen Ankerknöpfe und Laufbahnabzeichen stellte ich meine blaue Marine-Uniform wieder her, packte erneut meinen Seesack. Mit dem Soldbuch und den vielen Stempeln darin konnte ich den sowjetischen Posten davon überzeugen, dass ich als Magenkranker in das Lazarett gehörte. In der Turnhalle des Lyceums machten mir die Kameraden für ein Paket Tabak Platz zum Schlafen. Drei Tage später fuhren die Engländer in einem Sanka zum Bahnhof Schwerin. Ich erhielt in einem sauberen Lazarett eine Koje. Nach Kontrolle durch einen deutschen Stabsarzt, im Beisein je eines britischen und russischen Offiziers, verordnete ersterer mir Diätverpflegung und der Zug setzte sich bald in Bewegung. Der Grenzübergang gelang, ich wechselte die Uniform gegen Zivil. In Bremen-Oberneuland hielt der Zug. Da es auf dem Bahnhof von "Rotkäppchen" (britische Militärpolizei) wimmelte, stieg ich nicht rechts sondern links aus und verschwand über Gleise und Zäune im Dunkeln. Ein Mehl transportierender LKW nahm mich von der Bremer Rolandsmühle mit. Südlich von Aurich kontrollierten Kanadier die Brücke über den Ems-Jade-Kanal, wir passierten ohne Probleme. Ich war wieder einmal in einem Internierungsgebiet gelandet, diesmal mit Absicht. Ehemalige Soldaten zogen mich auf einen LKW. Sie trugen gelbe Stoff-Dreiecke am Waffenrock als Zeichen, dass sie ordnungsgemäß mit Vordruck D2 für Arbeit in der Landwirtschaft aus der Gefangenschaft entlassen waren. Ihr Weg führte über Norden. Ich hatte von Schwerin bis dort 36 Stunden gebraucht, damals ein Rekord.
Das Ulrichsgymnasium in Norden nahm im Winter 1945/46 die Lehrtätigkeit wieder auf. Ich gehörte ab da zu seinen Schülern. Zu dieser Zeit traf ich unseren ehemaligen Batterie-Chef Schubert auf der Hauptstraße in Norden wieder. Es hatte ihn in dieses Internierungsgebiet verschlagen. Er war als Vertreter für eine Firma in Ostfriesland unterwegs.

April 1946
Die britische Militärregierung fordert alle noch nicht entlassenen ehemaligen Soldaten zur Meldung auf. In einer Baracke am Sportplatz zeige ich mein Soldbuch, werde mit DDT entlaust. Ein Offizier befiehlt mir, die Arme hoch zu nehmen. Er findet keine Blutgruppen-Tätowierung als Zeichen der SS-Zugehörigkeit. Ich bekomme den wichtigen Entlassungsschein D2 und bin am 18. April 1946 "discharged from the navy". Ich kann in Ruhe weiter zur Schule gehen. Als ich die Baracke verlasse, treffe ich einen weiteren Mann aus unserem Warleberger Bunker. Er ist Österreicher und will endlich nach Wien. 

Mit einem Jahr Verspätung konnte ich 1948 mein Abitur machen. In diesen Jahren habe ich die Grenze zur Sowjetischen Besatzungszone zwischen Travemünde-Priwall und den Braunkohlegruben Helmstedt mehrfach bei Nacht in beiden Richtungen überwunden, um meine Mutter in Schwerin zu besuchen. Dies wurde Lebensgefährlich, nachdem die Russen von deutschen Grenzern abgelöst wurden. Viele Jahre später bin ich als Bauleiter für die Verlängerung der Munitionsverladebrücke am Depot "Kiel-Jägersberg" für eine große Baufirma im Einsatz. Schiffe werden mit Torpedos und Granaten aus den Bunkern beladen, Matrosen mannen schon wieder Munition!"

 

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