Rastorfer Passau

 

Flugzeugtyp:
Vickers Wellington IV
Absturzdatum:
30.11.1941
Absturzzeit:
22.23 Uhr
Absturzursache:
Unbekannt
Werknummer:
Z1292
Rufzeichen:
OT-
Besatzung:
6 Mann (6KIA)
MACR:
-
Einheit:
142. Squadron
Startflugplatz:
Grimsby
Startzeit:
17.57 Uhr
Herkunftsland:
GB
 Es ist später Abend, ein kleines vierjähriges Mädchen steht mit ihrer Mutter am Küchenfenster. Sie blickt hinaus in die helle Vollmondnacht und sieht plötzlich ein brennendes Flugzeug in extrem geringer Höhe, direkt auf das Bauernhaus zufliegen. Die große Maschine fliegt so tief, dass das Mädchen drei Mann der Besatzung im brennenden Cockpit und selbst die kreisrunde Kokarde am Rumpf erkennen kann. Wie angewurzelt steht das kleine Mädchen am Fenster und ahnt die drohende Gefahr - das Flugzeug wird genau in das Haus stürzen. An Bord der Wellington Z1292 befinden sich von der sechs Mann starken Besatzung zu diesem Zeitpunkt nur noch fünf an Bord, einer von ihnen ist wenige Sekunden zuvor aus der Maschine gesprungen - er wird am nächsten Tag, etwa einen Kilometer von der Absturzstelle entfernt, auf einer Ackerfläche von einem Landwirt tot aufgefunden. Der Pilot sieht ebenfalls in der hellen Vollmondnacht den kleinen Bauernhof direkt auf sich zukommen. Das Flugzeug fliegt jetzt nur noch in einer Höhe von etwa 10m (berechnet durch die Flugroute und Absturzort). Um eine tödliche Kollision mit dem Bauernhaus zu vermeiden, steuert der Pilot die Maschine nur knapp am Gebäude vorbei, direkt vor den Augen des kleinen Mädchen. Vermutlich versuchte der Pilot auf der hinter dem Bauernhof befindlichen Weide eine Notlandung durchzuführen. Wenige Sekunden später setzt die Wellington auf der Weide auf und explodiert mit samt ihrer Bombenlast und der Besatzung.

Am nächsten Morgen hat sich das halbe Dorf am Ort des Absturzes versammelt. Die Absturzstelle ist das reinste Trümmerfeld, überall liegen große und kleine Flugzeugtrümmer. Von den Dorfbewohnern besonders begehrt, sind die Fallschirme, die aus Seide bestehen. Das kleine Mädchen, das die Maschine am Fenster stehend auf sich zukommen sah, durfte aus verständlichen Gründen nicht an die Absturzstelle. Aber im Laufe des Tage entdeckte sie einen dieser Fallschirme in der Waschküche ihrer Eltern, versteckt unter dem Küchentisch liegen.

An Bord der explodierten Wellington war auch der 35 jährige Flight Sergeant Frank Sumner, der Heckschütze. Er war der Großonkel eines Familienangehörigen, der mit mir im Sommer 2006 Kontakt aufgenommen hatte und mich bat, ihn über den Verlauf der Recherche zum Absturz dieser Maschine, zu informieren. Da mir dieser Standort bereits namentlich bekannt war, aber der exakte Absturzort noch nicht ermittelt werden konnte, entschloss ich mich, diese Untersuchung vorzuziehen. Von dem Familienangehörigen Mr. Dean Sumner erhielt ich zahlreiches Bild- und Textmaterial über Frank Sumner, darunter auch einige Fotos vom Absturzort, der damals von der Wehrmacht dokumentiert wurde. Die Absturzfläche konnte lediglich aufgrund der nun zur Verfügung stehenden Fotos eingegrenzt und schließlich ausfindig gemacht werden. Die Ausmaße der Trümmerverteilung war so groß, dass fünf ganze Tage (je 8 Stunden) benötigt wurden, um eine Fläche von über 30.000qm (3 Hektar) weitestgehend zu untersuchen. Die bisher größte und aufwendigste Fläche, die bisher kartierte wurde.

Am 06.10.2007 fand unter Beteiligung geladener Gäste die Einweihung des Gedenksteines, zur Ehren der gefallenen Besatzung der Wellington Z1292, in der Gemeinde Wildenhorst statt. Besonders bewegend war die Teilnahme der Familienangehörigen des Heckschützen Flt. Sgt. Frank Sumner. Aus Tasmanien/Australien angereist, nahm auch die Tochter von Frank Sumner Mrs. Jean Linton sowie aus England die Witwe seines Bruders Mrs. Patricia Sumner und der Großneffe Mr. Dean Sumner, an der Einweihung und Kranzniederlegung teil. Durch den Repräsentanten der Royal Air Force, Squadron Leader Ross Allan, wurde ebenfalls ein Kranz am Gedenkstein in Wildenhorst niedergelegt.

Das Zusammentreffen von Frau Irmgard Petersen mit den Familienangehörigen von Flt. Sgt. Frank Sumner war ein sehr bewegender Moment. Frau Petersen, die damals als kleines Mädchen die brennende Wellington Z1292 auf sich und ihr Elternhaus zufliegen sah, erzählte mit Tränen von ihren Erinnerungen an die Nacht des 30.11.1941 . "Die Männer haben uns das Leben gerettet!" Mrs. Jean Linton und Mrs. Patricia Sumner hörten Frau Petersen Erinnerungen tief bewegt zu; "Ich konnte mindestens drei Mann von der Besatzung vorn im Cockpit sehen!". Wäre der Bomber, der zum Zeitpunkt als Frau Petersen ihn auf das Elternhaus hat zukommen sah und nur noch eine Flughöhe von etwa zehn Metern hatte, nicht durch die schnelle Reaktion des Piloten ausgewichen, wäre die über 13 Tonnen schwere Maschine direkt in das Haus gestürzt.

Pastor Walter Schroedter aus Raisdorf sprach während der Einweihung einige Worte die Nachdenklich machen:

"Liebe Rastorfer, liebe Gäste, liebe Initiatoren für diesen Gedenkstein und besonders liebe Gäste aus England/Great Britain und Australien!
Es ist eine Ehre für mich, dass ich hier ein paar Worte sprechen darf. Zum einen ist es wertvoll, wenn Menschen sich erinnern, wenn sie ganz bewusst mit ihrer Vergangenheit leben, möglichst wenig verdrängen und die Geschichte aufarbeiten, um freier in die Zukunft sehen zu können und schlimme Fehler vermeiden lernen. Zum anderen ist es ein Augenblick tiefer Achtung vor Angehörigen zu stehen, die in einem Krieg Opfer zu beklagen haben, einen Menschen verloren haben. Das Besondere bei dem Geschehen, an das heute erinnert wird, ist, dass der Pilot das Leben seiner Crew retten wollte, plötzlich ein Gehöft vor sich sah, es schützen wollte, überflog und dann mit seiner Mannschaft ums Leben kam. Eine Tragik, die die Sinnlosigkeit des Krieges deutlich macht und letztlich auch jeglicher Demagogie von Feindbildern. Dafür reichen die Worte nicht aus, die tiefe Achtung gegenüber Opfern und Angehörigen auszudrücken. Dank Auszusprechen und Versöhnung zu beschwören, reicht nicht. Vielleicht aber kann die Erinnerung an manch alte Geschichte etwas von der Tiefe dieser Entscheidung im Augenblick einer schnell geschehenen Katastrophe andeuten und die Weite des Geschehens für unser Bild von Menschlichkeit. In der biblischen Geschichte von Ninive verschon Gott die Stadt, wie er immer Menschen - auch wenn sie sich schuldig gemacht hatten - in die Zukunft half. Und später im Leben Jesu ist die Liebe zum Nächsten - ob Freund oder Feind - zu einem Maßstab geworden, welchen Wert wir für uns selber und im Miteinander haben. Seitdem ist jedes Recht, das Menschen für sich in Anspruch nehmen, sei´s auch noch so ideologisch verkündet, hohl und nichtig, wenn wir es nicht ebenso dem Nächsten zuerkennen und gewähren. So möchte ich mit zwei neutestamentlichen Texten, die ich auf Englisch und Deutsch kopiert habe, voller Ehrfurcht vor den Angehörigen an die Grundlagen unseres Menschenbildes erinnern: aus den Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium und aus der Bergpredigt Matthäus 5 die Seligpreisungen, die ich nun in englischer Sprache lese..."
Mein ganz besonderer Dank gilt folgenden Personen, die an der Errichtung des Gedenkortes und dem Ablauf der feierlichen Einweihung beteiligt waren:

Wilfried Dibbern (Bürgermeister), Christian Janshen (Landeigentümer), Eberhard Bors (Stifter des Gedenksteins), Graf Kuno Rantzau (organisierte den Transport des 3,8t schweren Findlings, Stiftung der Feldsteine), Rainer Brammer (für die Baggerarbeiten), Firma Schlüter aus Wellsee (für die Anfertigung der Gedenktafel), Freiwillige Feuerwehr Rosenfeld für das Bereitstellen des Stromaggregates, Pastor Schroedter (für die Rede), den Musikern für die musikalische Begleitung sowie Frau Dibbern und ihren Helferinnen, für das Essen im Feuerwehrgerätehaus Rosenfeld. Nicht vergessen möchte ich die britische Botschaft in Berlin und der Royal Air Force, für die Absendung und Teilnahme von Squadron Leader Ross Allen!

 
 

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